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2. Oktober 2018

Die Zukunft der deutschen Ferkelerzeuger hängt am Samenstrang

Bislang werden in Deutschland die meisten männlichen Ferkel betäubungslos kastriert. Dieses geschieht, damit das Fleisch der Tiere später nicht unangenehm riecht, wenn man es brät. Am 1.1.2019 sollte der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration vollzogen werden, nachdem das 5 Jahre lang schon Gesetzeslage ist. Ich muss sagen, ich fand das gut. Auch ich halte eine Kastration ohne vernünftige Schmerzausschaltung für absolut inakzeptabel.  „Thema erledigt – und was will die Landesvorsitzende jetzt noch?“

Ein Blogbeitrag von unserer Landesvorsitzenden Britta-Heide Garben. Gestern Abend fand in Berlin die Sitzung des Koalitionsausschusses statt. Big Point war, eine Lösung für die Dieselnachrüstungen zu finden. Na, habe ich gestern gedacht: Wieder ein Dieselgipfel, bei dem die Autokäufer weiter an der Nase herumgeführt werden und am Ende VW das beste Ergebnis seiner Geschichte einfährt, weil eine Abwrackprämie für Dieselfahrzeuge geschaffen wird in den größeren Städten, in denen Fahrverbote drohen. Und am Ende des Abends wird die betäubungslose Ferkelkastration weitere zwei Jahre erlaubt. Grandios verhandelt!

Derzeit ist es sicherlich so, dass sich nicht wenige Ferkelerzeuger*innen heimlich die Afrikanische Schweinepest herbeiwünschen, um dann endlich einen triftigen Grund zu haben, aus der Produktion auszusteigen. Die Politik schuldet seit Jahren, Entscheidungen im Bereich der Schweinehaltung zu treffen. Egal ob Kastenstand, Ringelschwanz, Kastration oder anderes. Bei der Kastration der männlichen Ferkel haben besonders kleinere Betriebe das Problem, dass sie sich auf eine Variante festlegen müssen und sich somit noch abhängiger von den Abnehmer*innen der Ferkel machen. Solange eine feste Partnerschaft besteht und alle Ferkel abgenommen werden, ist alles in Ordnung. Sobald aber der Mäster abspringt oder eine Restgruppe verkauft werden muss, wird es sehr schwer. Bei der Kastration unter Vollnarkose durch Tierarzt bliebe alles wie gewohnt, nur ist das die teuerste Lösung, wenn sich überhaupt ein Tierarzt dafür findet. Die Schweinehalter*innen müssen sich derzeit fühlen wie die Blinde Kuh. Warum kann die Politik nicht endlich mal klipp und klar sagen, was sie will.

Das hat unsere Ministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert bei der letzten Agrarministerkonferenz in Bad Sassendorf getan. Klar in der Haltung und ehrlich in der Kommunikation: Wir wollen minimalsten Tierschutz und den Ferkeln eine Betäubung gewähren. Eine Entscheidung, mit der ein Ferkelproduzent planen kann, ob sie nun wirtschaftlich ist oder nicht, und im Übrigen aktuell geltendes Recht.

Aber nun ist nun einmal in Bayern Wahlkampf und für ein paar Wähler*innenstimmen von verunsicherten Sauenhaltern spielt die CSU mit dem Vertrauen der Bevölkerung, die eine Landwirtschaft ohne Tierleid einfordert. Die aktuelle Bundesregierung zerstört die letzte Hoffnung darauf, dass mit ihr eine verlässliche Politik zu machen ist.

Das bedrückende Fazit ist, dass Veränderungen nicht gewollt scheinen. Kurz gesagt – es werden alle möglichen Lösungen negiert und zurück bleibt der Verbraucher, der seinen Diesel immer noch nicht umgerüstet bekommt. Zurück bleiben Ferkel, die bei der betäubungslosen Kastration weiter leiden.

Immer das gleiche Lied: Ebermast ist nicht flächendeckend umsetzbar, Kastration unter Betäubung ist finanziell nicht darstellbar und Immunokastration lehnt der Verbraucher ab aus Angst vor „Hormonfleisch“.

Ich bin maßlos enttäuscht. Ich wünsche mir eine Politik, die nach vorne blickt, die die Zukunft gestalten möchte, und die offen ist und auch bereit für Veränderungen. Das Schlimmste ist aber, dass letztlich die Landwirte und Landwirtinnen nun als „die wollen ja gar nichts ändern“-Buhmänner ziemlich alleine auf weiter Flur dastehen, weil die Politik wieder nichts entschieden sondern nur aufgeschoben hat. Denn es ist mitnichten so, dass Landwirte und Landwirtinnen es nicht anders wollen. Nur sie können nicht auf blauem Dunst hin einfach mal das Kastrieren einstellen. Viele Schweinehalter sind reine Ferkelerzeuger, d. h. sie verkaufen ihre Tiere nicht direkt an einen Schlachthof. Sie halten die Ferkel bis etwa 30kg und verkaufen diese dann an einen Mäster.

Die Mäster sind frei, d. h. sie sind von der „Neuregelung“ nur am Rande betroffen, es bleibt ihnen freigestellt, welche Ferkel sie einstallen. Deutschland bezieht zur Zeit schon etwa 12 Millionen Ferkel aus dem Ausland, Tendenz steigend. Die Grenzen sind offen. Es bleibt jedem Mäster freigestellt, kastrierte Ferkel aus dem europäischen Ausland zu kaufen. Der Mäster kauft die Ferkel mit Sicherheit dort, wo er das „Rundumsorglospaket“ bekommen kann.

Meine persönliche Meinung: bis zum 1.1.2021 wird sich niemand bewegen. Dafür ist es jetzt zu spät. 2021 sind Wahlen in Sachsen-Anhalt und auch wieder Bundestagswahlen … Wie wahrscheinlich ist es, dass dann endlich irgendetwas entschieden wird?

Wenn auch in Zukunft noch Sauenhaltung in Deutschland stattfinden soll, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die gesetzlichen Regelungen zur Kastration werden EU-weit vereinheitlicht, oder man sperrt die Grenzen für Ferkel, die nicht nach in Deutschland zugelassenen Verfahren kastriert wurden.

Ich weiß nicht, was unwahrscheinlicher ist …