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3. Oktober 2018

Haltung statt Spaltung – die deutsche Einheit und #DerAndereOsten

Miriam Matz: Im April diesen Jahres befand ich mich in einer Übung in der Uni. Zu statistischen Zwecken wurde reihum abgefragt, ob die Teilnehmer*innen aus dem Osten oder Westen kamen. Brav beantworteten alle diese Frage, die spätestens in dem Moment nicht mehr aufging, als ein Amerikaner an der Reihe war. Als ich an der Reihe war, antwortete ich auf die Frage, dass ich diese so nicht beantworten kann und will, da ich es nicht angemessen finde, bei 30 Menschen unter 30 künstlich Mauern in den Köpfen hochzuziehen und eine Einteilung in Ost und West vorzunehmen. Genauso gut hätte man nach Nord- und Süddeutschland oder die noch spannendere Frage nach Stadt oder ländlicher Raum stellen können. Aber nein, es mussten unbedingt der Osten und der Westen sein und das in einer Zeit, in der die Mauer in den Köpfen längst gefallen sein könnte und dies bei vielen jungen Menschen auch ist.

Heute ist Tag der deutschen Einheit. Dass dieser gerade mir, die im geeinten Deutschland aufgewachsen ist, wichtig sein könnte liegt nicht unbedingt nahe, schließlich war ich an den Geschehnissen dieser Zeit nicht beteiligt und kenne das Alltagsleben in der DDR nur durch Omas Erzählungen und aus Dokumentationen. Dennoch erfüllt es mich immer wieder mit Stolz, wenn ich die Bilder der Friedlichen Revolution und des Mauerfalls sehe.

Stolz darauf, dass alles friedlich blieb. „Keine Gewalt“ – das war einer der Slogans dieser Zeit, ein Slogan, an den Teile der Gesellschaft heute wieder erinnert werden sollten. Stolz aber auch auf all die Menschen, die auf die Straße gegangen sind, um sich für eine bessere Zukunft einzusetzen und sich diese erkämpften. Und dies in einer Zeit, in der Demonstrationen risikobehafteter waren als heute. DAS ist Haltung.

Ein weiterer wichtiger Slogan dieser Zeit war „Wir sind das Volk“. Lange Zeit stand dieser Slogan sinnbildlich für die Einheit Deutschlands. Doch leider hat er in den letzten Jahren einen schlechten Geschmack bekommen. Heute wird er von Menschen missbraucht, die andere Menschen – Menschen anderer Herkunft, Journalist*innen oder Demokrat*innen – ausgrenzen wollen. Er wird von Menschen missbraucht, die sich in ihrem Weltbild als „wertvoller“ als andere verstehen. Was diese Menschen tun, ist keine Haltung. Nein, sie fantasieren eine Situation herbei, die es so nicht gibt. Sie wollen die Gesellschaft spalten und sind damit leider zum Teil erfolgreich. Das stimmt traurig, denn im Gegensatz zu heute stand dieser Slogan 1989 für Gemeinschaft. Für eine Gemeinschaft, die sich nach Frieden und Demokratie sehnte und sich eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder wünschte. Dafür sind 1989 tausende auf die Straße gegangen – darunter auch meine Großeltern und Eltern – und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. „Wir sind das Volk“ – das war damals stark verbunden mit dem Slogan „Wir sind EIN Volk“, was seinen inklusiven Charakter bestärkt.

Seit 28 Jahren sind wir nun wieder Eins und dennoch gibt es noch immer große Unterschiede zwischen Ost und West. Beim Einkommen, bei der Rente, der Wirtschaftskraft, der Infrastruktur und auch der Repräsentation – bei all dem haben die ostdeutschen Bundesländer noch Nachholbedarf. Dass dadurch Frust entsteht, ist nur logisch, genauso wie es nur logisch ist, dass gerade Menschen, die mit der Einheit vieles verloren haben, nun die Sorge haben, wieder alles zu verlieren. Da gilt es für Politik nachzubessern, für gleiche Verhältnisse zu sorgen und Mut zu geben. Denn Menschen im Osten haben eine ähnlich große Lebensleistung erbracht wie Menschen im Westen Deutschlands. Sie haben genauso gearbeitet, Kinder groß gezogen und sich für andere engagiert. Außerdem brachten sie eine Mauer durch friedlichen Protest zu Fall und fanden sich recht schnell in einem neuen System zurecht, ohne dass dies erklärt wurde und obwohl sie durch Schule und DDR-Gesellschaft ein ganz anderes gelernt haben. Mehrheitlich haben sie ihre Kinder zu Demokrat*innen erzogen und ihnen eine Welt gezeigt, die sie selbst nicht kannten, denn schließlich kam mit der Einheit nicht nur Deutschland wieder zusammen, sondern auch Europa.

„Die Mehrheit der Menschen im Osten zieht eben nicht grölend durch die Straßen oder zündet Asylunterkünfte an.“

Die deutsche Einheit war auch ein großer Schritt zur europäischen Einheit, da danach auch osteuropäische Staaten Mitglied der EU werden konnten. In kürzester Zeit wurde Ostdeutschen die ganze Welt zugänglich und sie lebten auf einen Schlag inmitten einer europäischen Gemeinschaft, in der Grenzen nicht mehr vorhanden sind. Für ihre Kinder ist es eine Selbstverständigkeit, doch für die vielen Ostdeutschen, die die Wende aktiv erlebten, ist es eine große Leistung, sich schnell in diesem System zurecht gefunden zu haben. Das sind genau die Menschen, deren Geschichten der Blogger Stefan Krabbes mit seinem Hashtag #DerAndereOsten erzählt – es sind die Menschen, die für ein Gemeinsam statt Gegeneinander kämpfen, es sind die Menschen, die ihren Kindern eine neue Welt zeigten, die sie gerade selbst erst kennengelernt haben, es sind die Menschen, die heute gegen Mauern und für Freiheit kämpfen, da sie selbst wissen, wie es ist, eingesperrt zu sein. Unter diesem Hashtag zeigen sie das, was die Mehrheit der Menschen im Osten sind: weltoffen, hilfsbereit und freiheitsliebend. Die Mehrheit der Menschen im Osten zieht eben nicht grölend durch die Straßen oder zündet Asylunterkünfte an. Die Mehrheit der Menschen im Osten fragt nicht, woher man kommt, weil sie selbst weiß, wie es ist aufgrund der Herkunft benachteiligt zu werden. Die Mehrheit der Menschen im Osten sind Menschen, die sich für die Gesellschaft engagieren und in Frieden leben wollen. Schaut euch die Geschichten an, die unter diesem Hashtag erzählt werden, sie zeigen genau das. Und sie zeigen, dass es Zeit ist, die Mauer auch in den Köpfen fallen zu lassen bzw. nicht künstlich entstehen zu lassen. Sie zeigen: Wir sind Eins und lassen uns nicht spalten!


Susan Sziborra-Seidlitz: Ich bin unglaublich froh, dass junge Menschen wie Miriam so deutlich nicht mehr in Ost und West denken, dass ihnen im vollen Bewusstsein der Geschichte ihrer Eltern Europa so viel wichtiger ist, als ihre Verortung in den alten Grenzen aus dem Kalten Krieg. Denn bei mir ist das noch ein bisschen anders. Für mich, und viele in meiner Generation spielt die Herkunft „Ost“ noch eine große Rolle. Weil wir eine Geschichte haben, die eben erst ab der Hälfte der Jugend eine gemeinsame Geschichte war. Und auch die war am Anfang ganz anders.

Im November 1989 war ich zwölf Jahre alt. Ich hatte im Sommer das erste Mal meinen Großeltern auf einer Postkarte aus dem Ferienlager geschrieben, dass „die Ärtze meine Lieblingsgruppe“ seien. Ich erinnere mich an Falco und die Electric Beat Crew bei Zeltplatzdiskos. In mein Kinderleben sickerten „Westmusik“ und –mode und die erste Freiheit ein.

Ab dem Herbst dieses Jahres war es nicht mehr allein die Freiheit des Erwachsenwerdens, des sich-von-den-Eltern-lösens, es war gleichzeitig die ganz große Freiheit, eine Freiheit die mehr umfasste als heimlich aus dem Westradio mitgeschnittene Herbert-Grönemeyer-Songs, die ersten Küsse im Wäldchen am Allendeviertel und das erste heimliche Schlückchen Eierlikör.

„Es sieht vielleicht so aus, als hätten unsere Eltern uns zu Demokraten erzogen, aber bei den meisten, die ich kenne, war das nicht so. Das waren wir selbst.“

Bei uns Zuhause war Westfernsehen verboten. Ich war in meinem Leben nie in einem Intershop, was gut und richtig war, stand festgemauert in Stein. Und galt dann plötzlich nichts mehr. Zumindest teilweise. Während unsere Eltern taumelten zwischen der Mühe, sich im neuen System zurechtzufinden, den Stolz zu behalten, wenn alle Welt plötzlich sagt, dass ihr Leben vollkommen falsch gewesen sei und den spannenden neuen Erfahrungen, die zum Beispiel dieses Berlin der frühen 90er bot (wir wohnten damals fünf Schritte entfernt von der Mainzer Straße mit all ihren Kneipen und Räumen, schrägen Vögeln, netten Leuten und politischen Wirrköpfen und meine Eltern waren jünger, als ich es heute bin – was für eine Vorstellung!) musste meine Generation irgendwie selber drauf kommen. Es sieht vielleicht so aus, als hätten unsere Eltern uns zu Demokraten erzogen, aber bei den meisten, die ich kenne, war das nicht so. Das waren wir selbst. Wir haben gestritten, diskutiert, demonstriert, protestiert. Gegen die Abschaltung des Radiosenders DT64, gegen den Golfkrieg, gegen Kohl, gegen Neonazis, für die Abschaffung von Schulunterricht an Samstagen …

Wir haben gesponnen, geträumt und phantasiert, weil uns in unseren jugendlichen Brauseköpfen alles möglich schien in diesem einen Jahr „zwischen den Staaten“. Wir haben gelauscht, was an den Runden Tischen passierte und bei den Komitees für Gerechtigkeit. Wir haben beobachtet, wie die DDR-Wirtschaft abgewickelt wurde, gesehen, wie sehr unsere Elterngeneration oft darunter litt und nicht verstanden, was da passiert. Wir haben erlebt, wie Heroen einer nach dem anderen über Akten stolperten, wie manche stehen blieben und viele nicht. Wir haben entgeistert Rostock-Lichtenhagen gesehen, Mölln, Solingen und Quedlinburg, haben uns auseinandergesetzt und auch geprügelt (NIE aus eigenem Antrieb!). Wir hatten Spaß und Musik und alles war politisch. So haben wir Demokratie gelernt. Aber nicht alle. Auch das scheint mir ein Schlüssel zum Verständnis heutiger politischer Entwicklungen zu sein.

Umbrüche, Zeitenwenden und Veränderungen sind natürlich im Laufe der Geschichte. Ich habe einen erlebt und finde noch heute, das war eine großartige Zeit! Für andere meiner Generation (jemand nannte das mal sehr schön die „dritte Generation Ost“) war es einfach nur ein Umbruch, in dem ein Rahmen verloren ging, ein anderer angepasst wurde und irgendwie alles mit einem geschah. So etwas macht Angst. Wer Angst vor Veränderung hat, der muss sich auch vor Globalisierung fürchten, vor einem Europa, das grenzenloser wird, vor einer Welt, die näher rückt. Vor dem Fremden, dem Neuen, dem Zu-Modernen. Angst vor Veränderung fördert Xenophobie und Hass auf Alles. Auf den Straßen in Köthen und Chemnitz, bei Pegida und Co. sehe ich neben Hutbürgern vor Allem meine Generation. Diejenigen, die es vielleicht nicht so gut selbst geschafft haben, in der liberalen Demokratie anzukommen.

Deutsche Einheit und europäische Einheit

Ich weiß nicht, ob es gelingen kann, die „besorgten Bürger“ wieder mit der demokratischen und offenen Gesellschaft zu versöhnen. Aber wenn es gelingt, dann nur, wenn sie die Erfahrung nachholen können, dass demokratisches Mittun etwas bewirken kann, dass man durch mutigen persönlichen Einsatz sein Umfeld und sein Leben gestalten kann. Dass demokratische Verantwortung mehr ist, als alle vier Jahre zur Wahl zu gehen (wenn überhaupt), sondern dass die eigene Meinung, die eigene Haltung und das eigene Engagement eine Bedeutung hat. Dass es nicht notwendig ist, Brandstiftern auf ihrem Kreuzzug gegen thematische Scheinriesen zu folgen, dass man etwas bewegen kann, konkret und mit Bezug auf das eigene Leben.

Wenn das gelingt, können wir die Spaltung überwinden. Dann bleibt die unterschiedliche Erfahrung als Schatz und gegenseitige Inspiration, auch vielleicht als Mahnung. Aber Einheit ist möglich. Deutsche Einheit und europäische Einheit. Eine, die nicht trennt und ausgrenzt, sondern einschließt und mitnimmt. Das wird toll!