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22. Februar 2018

Lachen, Nichtlachen und ein Shitstorm

Zugespitztes, auch überzeichnetes Austeilen gegen politische Zustände gehört zu Karneval und Fasching, wie Dick zu Doof (oder etwas politisch korrekter: Stan zu Olli). Da wird es auch derb und persönlich, und wenn man sich als Politikerin oder Politiker in den Karneval begibt, dann muss man das aushalten können. Bestenfalls ist es lustig, weil es trotz zugespitzter Klischees ins Schwarze trifft. So wie GRÜNEN-Witze bei der Heute-Show.

„Humor ist keine Gabe des Geistes, er ist eine Gabe des Herzens“ (Ludwig Börne)

Ausländerwitze aus den 90er Jahren und verächtlichmachende Bezeichnungen für Menschen sind eine völlig andere Kategorie. Das ist nicht humoristisch, das ist rassistisch.
Am vergangenen Samstag war ich Gast der Prunksitzung des Quedlinburger Carneval Vereins. Weil ich Karneval und Verkleiden mag. Weil ich finde, dass der Carneval Verein wertvolle kulturelle Arbeit in unserer Stadt leistet und das unterstützenswert finde. Und weil ich da seit ein paar Jahren immer hingehe.

Ausländerwitze, platte Klischees und Vorurteile

Ich wurde Zeugin der rassistischen Entgleisung einer Büttenrede. Voll vor die Wand. Ausländerwitze, platte Klischees, Vorurteile ohne reale Entsprechung in der Stadt, rassistische Zuschreibungen und die Bezeichnung „Bimbo“ für dunkelhäutige Menschen. Durchgängig. 45 % Witze über Ausländer, 5 % Regierungskritik, der Rest anderes.
Diese Rede hat mich schockiert, mehr noch die offensichtliche Anschlussfähigkeit im Saal.

Ich habe zwei lange Nächte darüber geschlafen, wie ich persönlich mit einer solchen Rede umgehen möchte. Habe am Montag Morgen Konstantin Wecker gehört: „Wenn Sie jetzt ganz unverholen …“ Und habe in einem offenen Brief „Nein“ gesagt.

Ich war noch schockierter. Weil Reflexion beim Thema Rassismus inzwischen scheinbar unmöglich ist. Weil es offenbar eine Erwartungshaltung gibt, dass unter dem Deckmantel des Humors „alles“ gesagt werden dürfen muss. Und weil offenbar tatsächlich Leute solche Dinge glauben, wie: man würde in Quedlinburg tagsüber überproportional viele Menschen nichtdeutscher Herkunft auf der Strasse sehen, während die Quedlinburger alle arbeiten gehen. Das Argument „er hat doch Recht“ war eines der häufigsten in den Kommentaren auf Facebook. Wenn ich Nichtdeutschen im Quedlinburger Stadtbild begegne, dann sind das überproportional oft Touristinnen und Touristen. Übermäßig viele zugewanderte Quedlinburger erlebe ich nur bei meinen Schichten im Krankenhaus, wo sie als Ärztinnen und Ärzte für alle Patientinnen und Patienten Verantwortung übernehmen. Tagsüber und nachts.

Ich wünsche mir einen Karneval in Quedlinburg, der neben Jubel, Trubel, Heiterkeit reflektiert mit der Situation in unserer Stadt umgeht – auch kritisch.

Und dem das gelingt, ohne gegen Schwächere und Benachteiligte zu keilen und stupide Vorurteile zu bedienen. Weil nur so ein Karneval auch die Menschen in unserer Stadt mitnimmt, die mit Rassismus und „Bimbo“-Witzen zu Recht nichts anfangen können. Und ich habe Vertrauen, dass der Quedlinburger Carneval Verein diesen ausrichten kann. Wenn es ihm gelingt, auf einen offenen Brief, der ja ein Gesprächsangebot ist, nicht mit reflexhafter Abwehr zu reagieren, sondern sich mit dem Ansinnen auseinanderzusetzen. Weil ihm Jubel, Trubel, Heiterkeit nämlich hervorragend gelingt.

Auf meinen offenen Brief (hier auf Facebook nachzulesen) folgte ein Shitstorm. Naja, Störmchen. In einigen Beiträgen verletzend, beleidigend und unappetitlich. Oft platt hetzend. Durchaus aber auch stellenweise erheiternd. „Claudia Roth von Quedlinburg“ (fast ein Adelstitel!), „Blümchentante“, Doppelnamenwitze (die liiiiiebe ich! Der Doppelname ist mein persönlicher Ersatz für die fehlende akademische Referenz). Da kann ich lachen. Herzlich. Am Liebsten lache ich sowieso über mich selbst.

Ein Text von unserer Landesvorsitzenden Susan Sziborra-Seidlitz