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7. August 2018

Nein, meine Kinder kriegt ihr nicht!

Ein Blogbeitrag unserer Landesvorsitzenden Susan Sziborra-Seidlitz über den Dienst an der Gesellschaft und den Wert des freien Willens.

Meine große Tochter ist erwachsen. Sie wurde es unter anderem in einem freiwilligen sozialen Jahr, das sie in Hamburg leistete. Ein Jahr von Zuhause weg, in einer anderen Stadt und dann diese Arbeit, die so wichtig ist für eine Gesellschaft. Ich war wahnsinnig stolz. Jeder junge Mensch sollte so ein freiwilliges soziales Jahr leisten, oder eines im Umweltschutz oder in der Denkmalpflege oder, oder, oder … Weil es der Gesellschaft dient, den Zusammenhalt und das Zusammenleben stärkt, weil es die jungen Menschen voranbringt. Die Freiwilligendienste sind eine großartige Einrichtung. Weil sie freiwillig sind. Weil sich Menschen – meist junge – aus eigenem Willen entscheiden, ein Jahr ihres Lebens dem Gemeinwohl zu widmen. Schon diese Entscheidung zeigt Wesensreife und diese Entscheidung selbst getroffen zu haben sorgt für die Motivation, die es braucht, damit so ein Einsatz zum Erfolg werden kann. Für die Freiwilligen und für die Gesellschaft.

„Himmel, älterer Schnee ist ihnen wohl nicht eingefallen?“

In den letzten Tagen versuchte vor allem die CDU in Bund und Ländern das Sommerloch mit einer Diskussion über eine Wiederauflage der Wehrpflicht und eine damit zu verbindende „allgemeine Dienstpflicht“ für Jugendliche zu füllen. Himmel, älterer Schnee ist ihnen wohl nicht eingefallen? Ich kann ja nachvollziehen, dass im Rückblick und mit dem Abstand der vielen Jahre die eigenen paar Monate bei der Bundeswehr oder NVA romantisch verklärt ganz nett erscheinen. Ich kann jedoch nicht wirklich glauben, dass mit Ausnahme der Wirklichkeitsverweigerer von der AfD irgendjemand ernsthaft annimmt, auch nur eines unserer Sicherheitsprobleme wäre mit einer Wehrpflichtigenarmee gelöst. Also reden wir von dem anderen: Von der Idee, ein Heer zwangsdienender junger Menschen würde die Pflegekrise lösen können oder das Fachkräfteproblem im Kitabereich.

Gehts noch? Es ist inzwischen im letzten Winkel dieser Republik angekommen, dass die Berufe in der Pflege vor allem attraktiver werden müssen, damit wir die Krise bewältigen. Das heißt fairere Bezahlung, bessere Ausbildung, Karrierechancen, gesellschaftliche Anerkennung und Entlastung durch mehr Kolleg*innen. Die Idee, diese Entlastung mit jungen Menschen herzustellen, die dazu verpflichtet werden mag auf den ersten Blick einleuchten. Aber das täuscht. Was es vor allem braucht, sind ausgebildete Fachkräfte jeder Fachlichkeitsstufe. Hilfskräfte, so motiviert sie auch sein mögen (und das ist bei einem Zwangsdienst zusätzlich zweifelhaft), entlasten nur mittelbar, da sie in der unmittelbaren Pflege keinen Einsatz finden sollten. Denn das wäre das zweite fatale Signal: Die Idee, die Personallöcher mit Verpflichteten jeder Couleur zu stopfen, suggeriert einmal mehr: „Pflege kann jede und jeder.“ Das wertet berufliche Pflege ab statt auf. Das Gleiche gilt natürlich für den Erziehungsbereich.

Ich freue mich über viele Freiwillige und ich bin sicher, dass mehr Menschen in den Freiwilligendiensten das Land weit nach vorn bringen könnten. Dafür ist politische Anstrengung notwendig, denn attraktiv sind diese Dienste im Moment für die Wenigsten. Ich würde gern eine Diskussion über die Entlohnung der Freiwilligen führen, über Anerkennung und Rahmenbedingungen wie beispielsweise Wohn- und Fahrtunterstützung. Das wäre relevant. Alles andere ist Sommerlochgelaber.

Nur falls es doch jemand ernst meinen sollte und zur Klarstellung: Meine Kinder kriegt ihr nicht! Ich werde all meine Erziehungsanstrengungen darauf richten, dass auch die beiden Jüngeren ein Jahr sinnvoll für die Gemeinschaft arbeiten, bevor sie ins weitere Erwachsenenleben starten. Aber entscheiden sie sich dagegen, ist das ihre Freiheit. Mein Sohn wird keine Waffe tragen. Außer er entscheidet sich freiwillig dafür. Das wäre seine Freiheit.