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27. Januar 2019

Ach Oma… Gedanken am Ende des Grauens

Ein Versprechen

Ein Blogbeitrag von Susan Sziborra-Seidlitz, Landesvorsitzende.

Vor wenigen Tagen starb meine Großmutter. Sie hat ein gesegnetes Alter erreicht und wir sind dankbar dafür, sie so lange um uns gehabt zu haben. Was zunächst traurig aber bilderbuchmäßig aussah, mit zahlreichen ihrer Söhne, Schwiegertöchter, Enkelinnen und Enkel und Urenkel am Bettrand, Zeit für den Abschied und Freude auf die Freunde und den Opa, die längst vorgegangen sind wurde am Ende doch qualvoll. Es schien fast, als ob die wilden Kapitel, die Schrecken und Beschwernisse, die Umbrüche und Sorgen der vier Zeitalter, in denen sie gelebt hat sie noch einmal innerlich trieben, ihr Schmerzen zufügen, die sie schütteln.

Meine Oma war eine leidenschaftliche Frau. Lange Jahre zweite Reihe, aber immer absolut in ihren Überzeugungen. Als junges Mädchen führte sie dies in den Endkampf um Berlin. Sie erhielt einen Orden vor Hitlers Bunker und erlitt einen Bauchschuss. Sie erlebte den Beginn des Friedens, den sie damals noch nicht so nannte im Krankenhaus Prenzlauer Berg. Sie war die einzige Patientin im Haus, alle anderen wurden noch im Luftschutzkeller versorgt.

Aus dem Krankenhaus wurde sie als Kriegsgefangene entlassen. Nach Landsberg in ein kleines Lager mit nur wenigen Gefangenen und nur zwei Bewachern. Die Deutschland erstaunlicherweise liebten. Welch ein Glück! Oma lernte Heine lesen und wurde Kommunistin.

Sie blieb es, auch als es den Staat DDR, der ihr viel abverlangt hat, und den sie dennoch als geliebte Heimat verstand nicht mehr war. Es schmerzte sie sicherlich, dass spätestens ihre Enkelinnen und Enkel nicht alle ihre Überzeugungen teilen.

Liebe macht nachsichtig, ich habe nie erwartet, dass wir reflektierter über die DDR hätten sprechen können, als wir es ein paar Male taten, aber es wäre sicherlich spannend gewesen. Unsere Familiengeschichte gibt einige erwähnenswerte Bilder zur Illustration der letzten Jahrzehnte her. Nun werden wohl viele davon verschwinden, wir haben zu wenig aufgeschrieben.

Was bleibt sind Bilder: Oma und ihr Bruder mit Rollern vor einem Hoftor, die Strümpfe verrutscht, das Mädchenhaupt ziert eine große Propellerschleife. Oma nachdenklich und lesend in einer FDJ-Bluse. Oma mit Opa, frisch verheiratet und mit jedem der fünf Söhne. Und dann Passbilder, auf denen sie langsam reift und altert. Dann wird die Welt der Fotos bunt. Reisen. Und dann verschwindet Opa von den Bildern….

Was ich auf allen diesen Bildern, die sie als erwachsene Frau zeigen sehe, ist eine Ernsthaftigkeit im Blick. Das habe ich als Kind nie bemerkt und verstanden habe ich es wohl erst, als sie mir vor ein paar Jahren die Geschichte von ihrem Bauchschuss erzählt hat. Oma liebt ernsthaft und Oma hasst ernsthaft.  Das erste tat sie spröde aber ausgiebig, das zweite verteilt sie knapp. Eigentlich hasst sie nur zwei Dinge: Krieg und Faschismus.

Und für die Kraft und Leidenschaft dieser Überzeugung habe ich Hochachtung. Und deswegen sitze ich hier und schreibe gegen meine Trauer an und möchte dir ein Versprechen geben: du warst vielleicht traurig, dass ich nicht deinen Weg eingeschlagen habe, für eine bessere Welt zu kämpfen, weil ich ihn für falsch halte. Und dass ich das bestimmt sogar einmal gesagt habe. Da das meine Überzeugung ist, werde ich das auch nicht zurücknehmen können. Aber sei gewiss, mein Kampf um eine bessere Welt ist ebenso wie deiner ein Kampf um eine Welt ohne Krieg. Und ohne Nazis. Ohne Rassismus und Ungerechtigkeit und um eine Welt ohne Antisemitismus.

Das ist eine der Fragen, die ich dir nie gestellt habe, vielleicht weil die Antwort darauf so schambesetzt gewesen wäre. Wie war das damals mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Berlin? Hattet ihr jüdische Nachbarn, die plötzlich weg waren? Was wusstet ihr? Saht ihr hin? Applaudiertet ihr, oder drehtet ihr euch weg? Erschien es euch richtig oder als Fake News?

Es ist heute so unvorstellbar für uns, dass dieser organisierte Massenmord möglich war, es wirkt so weit jenseits zivilisierten menschlichen Seins. Und ihr habt gleichzeitig gelebt, wart jung und lebendig.

Spätestens, als am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde offenbarte sich der ganzen Welt das Ausmaß dieses grauenhaften Zivilisationsbruchs, aber ihr, vor deren Augen das geschah, müsst das doch gesehen haben, davon gehört, es gewusst haben. Es macht mich verzweifelt, dir nie die Frage gestellt zu haben, wie das möglich war. Wie all das unter den Augen von Liebenden Ehemännern, glücklichen Eltern, zärtlichen Geliebten, Kinogängern, Tänzerinnen, freundlichen Busfahrern……. Menschen geschehen konnte.

Liebe Oma, ich hätte gern den Schmerz und die Scham über dieses Grauen mit dir geteilt. Sie sind mein Erbe und die Verantwortung die daraus erwächst, aber ich hätte gern mehr gewusst und verstanden. Weil nur dieses Verstehen des Unglaublichen davor schützen kann, es erneut zu übersehen.

Das Verstehen dieses Unglaublichen lässt uns hinschauen, wenn Rassisten, Geschichtsrevisionisten, Rechtsextreme, Antisemiten sich wieder unter die normalen Menschen mischen, wenn Tabubrüche zum Sport zu werden scheinen, wenn Menschen wieder angegriffen und ausgegrenzt werden, weil „Andersartigkeit“ konstruiert wird.

Das muss an diesem 27. Januar die Botschaft sein. Fragen und Hinhören, wo ihr noch Menschen um euch habt, die berichten können. Und zuhören und hinhören was heute geschieht. Denn das ist unsere Verantwortung: nie wieder! Nie wieder Faschismus und nie wieder Antisemitismus! Nie wieder wegsehen und nie wieder zulassen!