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9. November 2017

Heimat und Revolution

Ein Text von Susan Sziborra-Seidlitz | Meine Heimat war sommerhell und düster im Winter. Sie roch nach Kohlenrauch und nach Lindenblüten und nach den Pferdeäpfeln vom Fuhrunternehmer in der Kinzigstrasse. Und in Friedrichshagen bei meinen Großeltern roch sie nach Hopfen von der Brauerei. In der Scharnweber an der Ecke uns gegenüber war ein Gemüseladen, da gab es Äpfel und Kohl und Kartoffeln und immer wenn ich „Boxhagener Platz“ lese, sehe ich genau diesen Kietz vor mir.

Ich war 12, da roch meine Heimat erst nach Revolution, und dann begann sie sich zu verändern.

Am 4. November 1989 – ich war Agitator meiner Klasse (vorher bei den Jungpionieren hieß das noch sehr viel sympathischer „Wandzeitungsredakteur“) – lief ich mit dem größten Teil meiner Schulfreunde nach dem Pioniernachmittag zum Alexanderplatz. Ich glaube, wir haben unseren Eltern nicht Bescheid gesagt. Auf jeden Fall stopften wir uns die Halstücher in die Anoraktaschen – wir hatten wohl ein diffuses Gefühl für Angemessenheit.

In den Wochen davor waren sogar in unserer doppelt abgeschirmten DDR-Kinderwelt die Botschaften von Aufruhr und Veränderung angekommen; einen Monat zuvor hatten wir an der Karl-Marx-Allee Gorbi zugejubelt. Und nun standen wir am Alex, Hunderttausende wogten um uns herum. Und wie herrlich undiszipliniert sie waren!

Massenaufläufe waren in Berlin ja nichts ungewöhnliches, aber da wurde marschiert – am schweigenden Podium vorbei. Hier stiegen Menschen auf das Podium. Es gab Musik. Schauspieler, Anwälte, Bürgerrechtler, Politiker – auch staatstragende – redeten. Und sie sprachen auch miteinander, rangen um Worte und den richtigen Weg. Und während ich im Kopf die besten und wichtigsten Zitate sammelte für die Wandzeitung in der Schule, spürte ich überdeutlich, dass dieses Land sich verändert hatte.

Es dauerte nur noch wenige Tage bis zum denkwürdigen Schabowski-Moment, und noch ein bisschen länger, bis meine Heimat Berlin für mich wuchs und ich lernte, dass sie auch nach Döner und Haarspray riecht. Und in Haselhorst, wo mein Opa geboren wurde, frisch nach dem Wasser der Havel. Und nach Kiefernnadeln im Sommer.

Aber vor allem schmeckte Heimat jetzt nach unendlicher Freiheit.

Es folgten Jahre der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, der gesellschaftlichen Utopien, der großartigen Bands und Konzerte. Es folgten Nischen und Projekte in leerstehenden Häusern und unzählige Frühstücke auf Dächern im Prenzlauer Berg.

Es folgte auch die Erfahrung, dass die große Freiheit nicht immer und für alle so frei ist, wie versprochen. Aber frei genug, darüber zu berichten und dagegen zu streiten. Aber während dieser spannenden Zeit ging meine Heimat verloren. Als erstes verschwand das Fuhrunternehmen in der Kinzigstrasse, dann auch der Gemüseladen und die Gerüche.

Heute erkenne ich die meisten Ecken gar nicht mehr. Ich beneide die Freunde meines Mannes, die zweimal im Jahr – zu Ostern und Weihnachten – nach Quedlinburg kommen, um Heimat zu tanken und dann randvoll mit erinnerungsschwangeren Eindrücken wieder nach Hause in ihr Erwachsenenleben fahren. Mir gelingt es in Berlin nicht mehr, die Orte und Gerüche meiner Kindheit zu finden, und das ist ein Verlust.

Aber immer blieb die Freiheit.

Sie ist die Heimat IN mir geworden, die mir über das Nicht-mehr-da-sein des Amselmannes im Hinterhof und der Ostrockdisko in der Kulturbrauerei hinweghilft. Sie lässt das Verschwinden der Griletta-Bude auf der Prenzlauer und des 10-Pfennig-Brausepulvers in Papiertüten verschmerzen. Und sie erfüllt mich noch heute mit Begeisterung.

Freiheit ist wohl das, was jeden durch das Erwachsenwerden trägt, aber meine Generation – wir Wendekinder haben sie auf so vielen unterschiedlichen Wegen gefunden, dass wir sie noch viel stärker spüren können. Und was wäre wohl aus mir und meiner sich entwickelnden persönlichen Freiheit geworden? Wer wäre ich wohl geworden ohne die äußere Freiheit?

Heimat ist kostbar. Sie ist in uns und lässt uns auch in schwierigen Lebenssituationen Glück und Sinn finden. Meine Heimat ist die Freiheit, und die teile ich mit vielen. Mit Ameen aus Syrien, der nun frei von Gefahr in Leipzig leben kann. Mit meinen Globetrotter-Freunden, die ein Jahr und länger um die Welt reisen. Und mit all meinen Parteifreund*innen, denn mit dem Gründungsmythos der GRÜNEN und der Vereinigung mit BÜNDNIS 90 ist die Freiheit gleich doppelt mit unserer DNA verwoben.

In diesen Tagen bin ich dankbar.

Dankbar den Hunderttausenden am 4. November auf dem Alexanderplatz. Dankbar all jenen, die schon Jahre zuvor in Leipzig, in Quedlinburg, Berlin und anderswo so mutig waren. Dankbar auch meinen Eltern, die in all ihrer eigenen Verwirrung und der Umbrüche die Freiheit von uns Kindern aushielten, förderten, mit uns feierten. Damit wir heute und immer Heimat in ihr haben.