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23. Juni 2017

Geblogt: Es ist nicht die Zeit für #fedidwgugl

Ein Text von Susan Sziborra-Seidlitz | Gestern fuhr ich meine Jüngste mit dem Fahrrad zum Kindergarten. Fünf Kilometer zwischen Bode und Feldrain, und die Natur tat, was sie sollte an einem Sommermorgen. Brummer und Summer und Pieper und der Duft von Heu und würziger Brennessel. Und vor mir hüpfte lustig der Zopf meiner Tochter, die im Kindersattel der Pferdekoppel am Wegrand entgegenfieberte.

Vollkommendes Glück, so fühlt sich Friede und Freude an, und Eierkuchen und Sommer. Und eingesponnen in diesen Kokon aus Sonne und Luft konnte ich gut verstehen, warum Viele den Gedanken an die Zerbrechlichkeit dieser Welt weit weit von sich schieben. Weil es fast nicht zu ertragen ist.

Fast nicht zu ertragen

Es ist fast nicht zu ertragen, wenn sich vor die Bilder von Schmetterlingen, die über Klatschmohn, Disteln und Kornblumen taumeln die Erzählungen der Klimaaktivistin aus Mikronesien schieben, die uns beim Bundesparteitag letztes Wochenende von Verschwinden ihrer Inseln berichtete, oder die Bilder von schmelzenden Gletschern in Grönland, die Toni Hofreiter vorletzte Woche so eindrücklich mit der Welt geteilt hat. Oder der Kampf der Innuit um das Eis, das – so lebensfeindlich es uns scheint – Grundlage ihres Überlebens ist. Alles so weit weg. Man könnte den Sommer genießen und einen #fedidwgugl-Wahlkampf machen. Lass doch den Rest der Welt….. hier isses schön. Und nur hier wollen wir sein.

Und dann hat es abends gekracht. So richtig mit Sturm und Hagel und viel, viel Wasser. An den Folgen hat zum Beispiel der Zoo Magdeburg noch mindestens eine Woche zu knabbern. Und ich rieb mir die Augen und fragte mich, ob ein so heftiges Gewitter schon je erlebt habe. Nein. Aber das habe ich mir bei den letzten drei Malen auch schon gesagt. Und deswegen auch für diejenigen, die vor Allem interessiert, dass man in Deutschland gut und gerne leben kann: die Klimakatastrophe steht vor der Tür. Auch hier.

Bei uns saufen noch keine Lebensräume ab und unsere Lebensbasis schmilzt uns nicht unter dem Hintern weg, aber massive Hitzewellen, immer heftigere Unwetter in immer kürzeren Abständen, trockenfallende Flüsse – all das sind beredte Zeugen dafür, dass uns kaum noch Zeit bleibt, das Ruder herumzureißen. Unsere Erde wird immer lebensfeindlicher, wenn wir nicht gegensteuern, und was viele heute noch nicht kümmert, weil sie es nicht vor Augen haben trifft uns immer öfter ganz direkt. Das spannende daran: den Planeten stört das kaum. Er schüttelt sich gerade einmal kurz, um uns loszuwerden, denn ohne Menschen kann die Erde auch ganz gut. Wir aber nicht.

3 vor 12

Und weil mich und uns GRÜNE nicht ausschließlich das Unwetter in Magdeburg interessiert, und weil es langfristig um die Überlebenschance der gesamten Menschheit geht und ganz, ganz kurzfristig um die Lebensgrundlagen eines großen Teiles der Menschheit (der sich dann aufmacht dorthin, wo Klimakrise nicht Dürre, Hunger und Tod heißt, sondern im Moment „nur“ Gewitterstürme, Starkregen und Hitzewellen – aber das ist erst das zweite Kapitel dieser Geschichte), deswegen sind wir diejenigen, die quasi als Grünhelmsoldaten in eigener (nämlich menschlicher) Sache gegen die Klimakatastrophe aufstehen.

Dazu gehört auch, in der Abwägung von Interessen, das Interesse der Menschheit nach einem lebenswerten Klima über das Interesse von Konzernen zu stellen, und ganz konkrete Ausstiegsszenarien für klimaschädliche Energieformen und Fahrzeuge zu verlangen. Dafür gehen wir mit ganz konkreten Forderungen in die Bundestagswahl, und werden es darunter auch nicht machen.

Freunde, es ist höchstens 3 vor 12 – wenn wir nicht schon im akademischen Viertel sind. Das ist nicht die Zeit für #fedidwgugl, das ist jetzt die Zeit für #Weltretten. Und zwar Allerhöchste und ganz dringend.

Koppel. Ausrufe des Glücks über zauberhafte Haflinger und dann wieder hüpfender, duftender Mädchenkopf, Sommerluft und Wiesenduft und Friede, Freude, Eierkuchen. Dafür, Freunde, DAFÜR!