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4. Juli 2017

Geblogt | Ehe-Öffnung: Werte leben, nicht Strukturen

Christian Franke

Es ist geschafft – endlich. Das Ehe-Verbot für gleichgeschlechtliche Paare ist gefallen. Schwule und Lesben dürfen heiraten. 30 Jahre haben wir Grüne dafür gekämpft – gegen erbitterte Widerstände aus dem strukturkonservativen Lager.

Ein Text von Christian Franke | Wenn man in einem Land aufwächst, in dem man in der Jugend feststellen muss, dass man weniger Rechte hat, nur weil man sich zu Personen des eigenen Geschlechts stärker hingezogen fühlt, als zu Personen eines anderen Geschlechts, entwickelt man unweigerlich ein Gespür für solch grenzenlose Ungerechtigkeiten. Menschen Rechte zu verweigern, nur weil sie nicht der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft entsprechen, war – und ist – staatliche Unterdrückung der individuellen und unveränderlichen Identität von Menschen.

Frage der Öffnung der Ehe ist eine elementare Frage der Gerechtigkeit

Gerade deshalb war die Frage der Öffnung der Ehe für mich nie eine Gewissensentscheidung, sondern eine elementare Frage der Gerechtigkeit. Es darf keine Menschen erster und zweiter Klasse geben. Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde und strukturelle Diskriminierungen gehören abgeschafft.

Wir Grüne können dankbar sein in unseren Reihen Vordenker und Aktivisten wie Eduard Stapel zu haben, die mit so unglaublich viel Mut, trotz staatlicher Unterdrückung und Verfolgung sich nie haben beirren lassen. Eduard Stapel baute in der DDR zahlreiche Homosexuellengruppen innerhalb der Evangelischen Kirche auf. 1990 gründete er den Schwulenverband in der DDR/in Deutschland, aus dem der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) hervorging, dessen Sprecher er bis 2006 war.

Wenn Menschen füreinander dauerhaft Verantwortung übernehmen und eine auf die gemeinsame Lebensführung angelegte Partnerschaft eingehen, muss der Staat diese schützen. Wo Liebe ist, muss die Ehe möglich sein. Entscheidend sind nicht die Strukturen, in denen die Menschen zusammenleben, sondern allein die Werte die sie verbinden.

Das Grundgesetz

In unserem Grundgesetz steht „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ – von Ehe zwischen Mann und Frau steht da nichts. Wer nun meint, dass das Ehe-Privileg für die Ehe zwischen Mann und Frau dennoch seine Berechtigung hat, weil nur aus dieser Verbindung Kinder entstehen können, muss sich die Frage gefallen lassen, warum denn unfruchtbare und ältere Heterosexuelle, aus deren Ehen niemals eigene Kinder entstehen werden, bisher das Recht zu heiraten hatten, Homosexuelle jedoch nicht. Warum also diese Personen, nur weil sie heterosexuell sind, mehr Rechte haben, als Schwule und Lesben. An diesem Punkt wird die Bigotterie von Strukturkonservativen besonders deutlich.

Der Kampf um die Gleichberechtigung

Der Kampf um die Gleichberechtigung musste zwangsläufig zum Erfolg führen. Dass es noch über 30 Jahren Überzeugungsarbeit von vielen Aktivistinnen und Aktivisten plötzlich so schnell ging, hat mich dann aber doch überrascht. Nachdem GRÜNE, SPD und FDP eine Koalition ohne Ehe-Öffnung für die Zeit nach der Bundestagswahl ausgeschlossen hatten, opferte Merkel das Ehe-Verbot während einer Podiumsdiskussion der Frauen-Zeitschrift Brigitte auf dem Altar der politischen Opportunität.

Phase der Toleranz verlassen und in der Phase der Akzeptanz angekommen

Mit der erfolgreichen Abstimmung im Deutschen Bundestag haben wir die Phase der Toleranz verlassen und sind endlich in der Phase der Akzeptanz angekommen. Die vollständige Gleichberechtigung homosexueller Paare scheint nicht mehr aufhaltbar.

Wer, wie CDU-Landeschef Webel, nun immer noch mit seinen Struktur-Vorlieben in die Paarbeziehungen erwachsener Menschen eingreifen will, hat seinen Wertekompass längst verloren.