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29. März 2018

Die alten weißen Männer oder der Beginn der konservativen Revolution

Möglicherweise haben sie in der CSU in den letzten Jahren zuviel Rainald Grebe gehört. Und möglicherweise haben sie nicht verstanden, dass „das Ende des weißen Mannes“ eine Satire ist. Oder sie verspüren den an ihnen persönlich nagenden Zahn der Zeit. Und das macht ihnen Angst. Oder es waren die starken jungen Frauen von den GRÜNEN, die ihnen in den Sondierungsgesprächen Ende letzten Jahres vor Augen geführt haben, dass sie ersetzbar sind. So als Alte. Weiße. Heterosexuelle. Männer.

Auf jeden Fall scheint Panik zu herrschen bei den Herren von der CSU.

Und dann ruft man mal schnell eine konservative Revolution aus. Zur Sicherheit. Und wenn man ein Ministerium zur Verfügung hat, dann rückt man wenigstens dort die Welt wieder gerade. In der Heimat geht es um Männer. Schlecht angezogene (damit das an dieser Stelle auch einmal thematisiert ist), alte Männer. So wie es sich gehört, wenn man den Rollback der Gesellschaft ausgerufen hat. Chefs sind immer Männer. Und die haben Sekretärinnen, die adrett sind und Schluppenbluse tragen. Und die prima tippen und Kaffee kochen können und deren Lebenstraum es ist, vom Chef geheiratet zu werden. Oder von irgendeinem anderen Mann. Die sind gehorsam und unscheinbar. So geht Heimat. Das fühlt sich nach Blümchenkaffee und Marmorkuchen an, nach Braten am Sonntag und Frühschoppen am Samstag (nur der Papi!), nach Jodeln und Dirndl und Vaterland.

Herr Seehofer, wenn ich mir ihre Führungsriege so anschaue, da vergeht mir die Lust auf Heimat.

Das ist so ein komisches Ding mit dem Begriff Heimat. Wir Linken tun uns manchmal so schwer damit, den zu füllen, den gedanklich zu fassen, weil er so übertüncht ist mit Heimatfilm, Heimatmusik, Heimatverein und jetzt mit Seehofer und seinen acht grinsenden Zwergen. Dabei habe ich Heimat. Nach der habe ich Heimweh, wenn ich zu lange nicht da bin, oder sie nicht bei mir. Sie ist real. Sie ist Erinnerung. Sie ist Gefühl. Sie ist Osterwanderung entlang der Bode, ist Oktoberfest in München im Herzkasperlzelt (natürlich im Dirndl), ist Lindenduft in Friedrichshagen, die Freiheit über den Dächern im Prenzlauer Berg. Sie ist der Blick über Quedlinburg vom Schlossberg aus und Rodeln an der Altenburg. Und sie ist HEX-Fahren zwischen dem Harz und Magdeburg. Immer hin und her.

Aber vor Allem ist Heimat meine Mutter. Ist der Karneval der Kulturen in Berlin und die CSD-Paraden überall und Public-Viewing zum Eurovision Song Contest und zur Fußball-WM. Ist es das Bewusstsein, dass meine Töchter (und mein Sohn) alles werden können in diesem Land und dass sie das wissen. Meine Heimat ist bunt und verschieden und ein überaus freies und freundliches Land. Eines mit Bewusstsein für Geschichte und Tradition und für Demokratie. Und für Zukunft. Ein junges Land. Ein modernes Land.

Heimat in Deutschland ist verschieden.

Horst Seehofers Heimatmuseum hat mich geärgert. Aber nun habe ich Mitleid. Das Aufbäumen des alten weißen Mannes gegen den Zahn der Zeit. Er weiß, dass er verloren hat. Er hofft nur, das vertuschen zu können, bis es keine Rolle mehr spielt. Vielleicht war Rainald Grebe doch nicht so satirisch …